2021/03/30

von Dr. Gunter Nittbaur

Das Schöne an diesen „Sichtweisen“, die meine Kolleginnen und Kollegen und auch ich regelmäßig an dieser Stelle veröffentlichen ist, das es eben genau dies sind: Sichtweisen. Und dass sich eine Sichtweise dadurch auszeichnet, dass sie subjektiv sein darf, dass sie polarisieren soll und auch Anlass zur kritischen Auseinandersetzung bieten darf. Also: Feuer frei!

Ich nehme gegenwärtig in der öffentlichen Diskussion und auch in meinen Beratungsprojekten eine stark wachsende Bedeutung des Themas Leadership wahr. Überall wird eine neue Art der Führung gefordert, die von echten “Leadern“ dominiert werden soll. Es wird nach einem Menschen an der Spitze von Unternehmen und Organisationen gesucht, die oder der nicht weniger als der Archetyp einer Lichtgestalt sein soll. Glaubt man den 877 Millionen Einträgen bei Google zum Thema „Leadership“, so sind Wirtschaft, Gesellschaft und Politik gleichsam zum Untergang verdammt, wenn nicht schnellstmöglich nur noch wahre Superhelden für die Spitzenjobs gesucht, gefunden und qualifiziert werden. Nur mit Persönlichkeiten, die sich durch ein Höchstmaß an emotionaler Intelligenz, systemischer Kreativität und authentischer Innovationskraft auszeichnen und von ihren Anhängern zum Idol erhoben werden, lässt sich in Zukunft wohl noch punkten. Schnell werden dann auch historische Vergleiche gezogen zu Persönlichkeiten wie Steve Jobs, Theodor Roosevelt, Mahatma Gandhi oder gleich Jesus Christus persönlich. Amazon wird auf Jeff Bezos reduziert, Tesla auf Elon Musk, die Grünen in Baden-Württemberg auf Winfried Kretschmann und die Sozialdemokraten in Rheinland-Pfalz auf Malu Dreyer.

Was ist aber mit allen anderen Menschen in der Organisation? Sind das dann eben nurmehr „Follower“, die eben genau das tun sollen, folgen? Lässt eine solche Machtfülle, die auf einer Person vereint wird, noch ausreichend Raum für das Gegenargument und den kritischen Diskurs? Lebt der Leader nicht in der ständigen Gefahr, sich nur noch mit Günstlingen zu umgeben, die den „tone of the top“ als herrschende Lehrmeinung auffassen und unreflektiert weitergeben? Ich habe es in meinen Projekten immer wieder erlebt, dass aus dieser Form der Führungsgläubigkeit ein bisweilen toxischer Personenkult entstanden ist und der Erfolg oder Misserfolg des Unternehmens extrem stark vom Verhalten und den Entscheidungen einer einzigen Person abhängig gemacht wurde. Und wenn dieser Leader dann aus welchem Grund auch immer plötzlich nicht mehr da war, brachte das nicht selten die gesamte Unternehmung in existentielle Gefahr.

Klar ist: Es braucht eine wirksame Form der Führung in jeder im Kollektiv gestalteten Organisation. Aber der Glaube, das es nur diese eine Person an der Spitze ist, die durch ihre Leadership alles richten wird und auf jede Frage die richtige Antwort hat, ist irreführend. Vielmehr vertrete ich die Sichtweise (😊), dass es die folgenden Attribute sind, welche eine wirksame Führungspersönlichkeit auszeichnen:

  • Echte Leader machen sich sukzessive überflüssig. Sie gestalten selbstorganisierte Systeme und keine personalisierten Hierarchien. Sie stellen nicht sich selbst in den Mittelpunkt, sondern die Sache und den Zweck der Organisation. Sie lassen Ihr Team erstrahlen und bleiben im Hintergrund. Und sie verwehren sich gegen jede Art des Kultischen um ihre Person.

     

  • Echte Leader arbeiten nicht im System sondern am System Sie schaffen die notwendigen Voraussetzungen, damit andere erfolgreich sein können. Sie räumen Barrieren aus dem Weg und gestalten das Umfeld entsprechend. Sie stehen nicht im Scheinwerferlicht sondern kümmern sich eher um die dunklen Ecken ihrer Organisation.
  • Echte Leader haben verstanden, dass sie niemals alleine imstande sind, die richtige Entscheidung zu treffen. Sie handeln nicht als der „einsame Wolf“, sondern machen sich die Diversität und Pluralität ihrer Organisation zunutze um zu richtigen und umgesetzten Entscheidungen zu kommen.
  • Echte Leader liefern keine Antworten, sondern stellen die richtigen Fragen. Sie fordern sich selbst und Ihre Organisation zum permanenten Nachdenken und Reflektieren auf, um Dinge nicht einfach nur besser, sondern anders und nachhaltiger zu machen.
  • Echte Leader haben eine Antwort auf die Frage: was würde passieren, wenn ich morgen vom Bus überfahren werde? Denn es wäre im wahrsten Sinne des Wortes fatal, wenn die Lebensfähigkeit eines Unternehmens mit möglicherweise hunderten von Mitarbeitern oder eine politische Partei von der Präsenz bzw. der Willkür einer einzigen Person abhängig gemacht würde.

So, jetzt bin ich selbst wieder dort angelangt, wo ich eigentlich gar nicht hinwollte: Bei einem „5-Punkte-Plan-für-echte-Leader“ und damit dem nächsten Google-Suchtreffer. Dabei wollte ich doch nur ein bisschen zum Nachdenken anregen darüber, was die aktuelle Leadership-Diskussion auslösen könnte. Und was besser nicht. Jetzt seid ihr dran: Auf zur Kontroverse!